Am Hafen von Hydra steht ein Steinhaus, in dem im 19. Jahrhundert Reisende ihre Quarantäne abgesessen haben. Heute trägt es den Namen von Melina Mercouri, Schauspielerin und griechische Kulturministerin. Und in diesem Sommer beherbergt es eine Ausstellung, die sich beharrlich weigert, wie eine Ausstellung auszusehen.
Kuratorin Leslie Kabla zeigt dort noch bis zum 15. August 2026 «Un Été à Hydra»: eine Zusammenkunft von Designerinnen, Keramikern, Malerinnen, Bildhauern und Kunsthandwerkerinnen, deren Arbeiten mit Griechenland im Gespräch stehen. Mit der Landschaft, mit dem Licht, mit überlieferten Techniken. Das Gebäude liegt wenige Schritte von der DESTE Foundation entfernt, die Hydra seit Jahren zu einem festen Sommertermin der internationalen Kunstwelt macht.
Ein bewohntes Wohnzimmer statt White Cube
Die Idee hinter der Schau ist einfach und gerade deshalb ungewöhnlich: Man betritt die Räume, als wäre man bei Freunden eingeladen. Nichts steht auf Sockeln, nichts ist mit Absperrband gesichert. Die Objekte wirken, als hätten sie immer schon dort gestanden.
Ein Klavier steht zum Meer hin. Darum herum gruppieren sich Möbel, Keramik, Malerei, Textilien, handgefertigte Objekte und Vintage-Stücke zu den Schauplätzen eines griechischen Sommers. Es wird Backgammon gespielt, ein Rezital gehört, ein Glas getrunken. Besucherinnen und Besucher bewegen sich frei zwischen Wohnzimmer, Essbereich und Leseecke, dem Rhythmus eines Inseltages folgend.
© Joseph Alexiadis — Backgammon-Set, Keramik von Jeanne Chardin, Holzkorpus von einem griechischen Schreiner. Keramikteller «Taverna» von Daphne Leon.
Was Hydra der Ausstellung vorgibt
Kabla hat sich an den traditionellen Häusern der Insel orientiert, in denen bauliche Schlichtheit auf sehr reiches Handwerk trifft. Kalkverputzte Wände, Marmor, Kieselböden, Terrakotta. Genau dieses Verhältnis prägt die Szenografie: wenig Geste, viel Material.
Das gilt bis in die kleinsten Objekte. Die Gargoulette und die Terrakotta-Muschel von Leda Athanasopoulou etwa entstehen in Mantamados auf Lesbos, einem Dorf, das seit Generationen für seine Töpferei bekannt ist. Solche Herkünfte sind hier kein Etikett, sondern Teil der Erzählung.
© Joseph Alexiadis — Gargoulette und Terrakotta-Muschel, von Hand gefertigt in Mantamados auf Lesbos von Leda Athanasopoulou, 2026.
Wer in Hydra ausstellt
Die Auswahl ist bewusst gemischt und verbindet junge Positionen mit Klassikern und Vintage. Vertreten sind unter anderem Leda Athanasopoulou, Elina Belou, Daphne Leon, Lina Zedig, Jeanne Chardin, Claudio Coltorti, Leonie Specht und Romain Cadilhon, dazu Arbeiten des griechischen Bildhauers Costa Coulentianos (1918 bis 1995), Möbel von Saridis of Athens sowie Stücke von Alexander Lee Page, Marco Villard und Agnès Bitton (Galerie Ninetto). Die griechischen Kunsthandwerker Nikos Zantidis und Maan Halaoui sind ebenso beteiligt wie Martinos Antiques für die Vintage-Auswahl.
Wer auf Details achtet, findet in der Einrichtung eine kleine Geschichte des griechischen Designs: Skyros-Stühle und antike Truhen neben dem Klismos-Stuhl 3A und dem Esstisch Nr. 103 von Saridis of Athens, jenem Athener Haus, das seit den 1960er-Jahren für seine Neuinterpretationen antiker griechischer Möbelformen bekannt ist.
© Joseph Alexiadis — Hocker «Single Sheet», Leda Athanasopoulou, 2023. Roher lackierter Stahl, 45 × 30 × 45 cm, gefertigt in Griechenland.
Nach Saint-Tropez das zweite Kapitel
«Un Été à Hydra» ist die Fortsetzung von «Une Maison à Saint-Tropez», mit dem Kabla die Atmosphäre eines tropezianischen Hauses durch zeitgenössische Kunst und Design neu erzählt hat. Der Ansatz bleibt, der Schauplatz wechselt: statt provençalischer Leichtigkeit nun die eigene Identität Hydras mit ihrer bewahrten Architektur, der maritimen Geschichte und den Handwerkstraditionen der Insel.
Alles, was zu sehen ist, ist auch käuflich
Die gezeigten Stücke, also Möbel, Keramik, Handwerksobjekte und limitierte Editionen, sind während der gesamten Laufzeit erhältlich. Nach dem Sommer wandern sie in den LK Shop, Leslie Kablas Onlineshop, der in Kürze öffnet und «Un Été à Hydra» sowie die kommenden Ausstellungen der Reihe verlängern soll.
Das ist der eigentliche Kniff dieses Formats: Es funktioniert gleichzeitig als Ausstellung, als Wohnprobe und als Verkaufsraum, ohne dass eines davon aufdringlich wird.
Gut zu wissen
- Ausstellung: «Un Été à Hydra», kuratiert von Leslie Kabla
- Ort: Melina Mercouri Hall, am Hafen von Hydra, Griechenland
- Laufzeit: 2. bis 15. August 2026
- Öffnungszeiten: täglich 11 bis 13 Uhr und 19 bis 23 Uhr
- Infos: Instagram @lesliekabla
Wer im August ohnehin in der Ägäis unterwegs ist: Hydra ist von Piräus in gut anderthalb Stunden per Schnellfähre erreichbar, Autos gibt es auf der Insel keine. Ein Nachmittag im Melina-Mercouri-Gebäude passt genau in diesen Rhythmus.
Titelbild: © Leslie Kabla. Steinfassade des Melina-Mercouri-Gebäudes am Hafen von Hydra.